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Gedanken

Jede Situation ist einmalig, jeder Ort hat sein Eigenleben, seine Vergangenheit, seine Erinnerung und sein Gedächtnis, die durch Architektur bewusst gemacht oder verwischt und gelöscht werden können. Bezüge zum Ort finden oder erfinden, zur Gegend zur Landschaft.
Man muss die Orte aushorchen, nach ihrer Vergangenheit befragen, ihre Umgebung kennen, die Topografie, die Sonne, das Licht und die Härte oder Weichheit der Schatten studieren, die Gerüche und den Hall der Straße, das Laub der Bäume und das Tropfen des Regens wahrnehmen, die Blicke einfangen und die Menschen verstehen, die hier leben.
aus: Max Bächer, „Mehr als umbaute Luft“

 

Das Gefühl ist feinfühliger als der Verstand scharfsinnig. Viktor Frankl

 

Alles beginnt mit Sehnsucht… Nelly Sachs

 

20160220 pechakucha abend montforthaus feldkirch
zum thema scheitern / grosse (ent)würfe / wettbewerbe / ac

Aufmerksam, motiviert, interessiert, und neugierig
gehen wir an die Aufgabe heran.
Fühlend, denkend, riechend, und hörend,
wartend, schauend, ruhend, und lesend,
suchend vertiefen wir uns ins die Thematik.
probieren, zweifeln, verwerfen,
immer wieder probieren, tüfteln,
alles in den Papierkorb, noch einmal,
Bauklotz, Situation, Stellung, und Raum,
Länge, Breite, doch nicht, anders,
Höhe, Fläche, und Ausdehnung,
Beziehung, Ort, Umfeld, Inhalt,
so ein Blödsinn, wer hat das ausgeschrieben,
kritisch, wieso nicht so, nein doch nicht,
Papierkorb. STILLE.
Neue Klötze, Körper, Strukturen, alles ist anders,
vorher wars aber besser, wieso, wieso nicht,
alter Bauklotz, Stanley-Messer, Uhu-Stick, Styropor.
das wäre doch schön. INNENHALTEN….
Wagen wir uns über eine Grundstücksgrenze hinauszubauen,
wenn es die Situation im räumlichen Kontext erfordert?
Wagen wir es ein Raumprogramm in Frage zu stellen,
sogar eine Aufgabenstellung, oder einen vordefinierten Bauplatz?
Wagen wir es größer zu bauen, wenn es die Stadtfigur fordert?
Sehr oft wagen wir es, weil wir das Gefühl haben es wagen zu müssen.
Architektur wird emotional, wo die Funktion aufhört.
Es gibt eine Idee. Es gibt eine Struktur. Es gibt ein Thema.
Rhythmus, Herzblut, Proportion,
Musik, Mathematik, oje: Statik.
Verzweiflung. Es geht nicht. Doch anders.
Schlaflose Nacht. Warten, Spielen, Verändern.
INS GELINGEN VERTRAUEN.
Variante A. Variante B. Variante K.
Um das Wesen des einen zu entdecken,
das genaue Gegenteil probieren.
Wir geben alles. Das momentan beste.
Wir finden. Wir erfinden.
Freude. Überzeugung. Motivation.
Es geht. Es wird gut. Alles geht auf.
Programm. Inhalt. Struktur.
Material. Fassaden. Textur.
Stimmung. Atmosphäre. Poesie.
Der Entwurfsprozess ist ein andauerndes Versuchen und Irren,
ein permanentes Verändern, Verzweifeln und Hoffen.
Auf und Ab. Hoch und Tief. Alles und nichts.
Wie es auch eigentlich nur zwei spannende Arten von Landschaft gibt:
Berg/Tal und Meer. Und in beiden ist alles auch Gegensätzliche.
Dann die Ausarbeitung in Bild, Text, Grafik und Modell.
Planrolle. Ausplotten. Wir sind fertig.
Es ist die Freude am Schaffen, und am Entwickeln,
knifflige Aufgaben und Rätsel zu lösen,
Komplexität in Ordnung verwandeln,
gestaltet, nutzbar, und sinnvoll.
Es ist eine Lebensflamme.
Wir packen Pläne und Modell in Schachteln und Kisten.
Ein vorsichtiger und langsamer Prozess.
Der Idee haftet auch immer etwas Jungfräuliches an,
etwas Verletzliches und Sanftes.
Wir schicken das Projekt in die Welt hinaus,
ungeschützt und ohne Hilfe.
Am Tag der Jury das große Hoffen.
17 Uhr. 18 Uhr. 19 Uhr.
Ein Rummelplatz der Emotionen.
22 Uhr. Niemand ruft an.
Die sind vielleicht noch nicht fertig, haben vertagt.
Am nächsten Morgen ein Mail:
Nicht einmal eine Anerkennung.
Es folgt das Protokoll mit Plänen und Bildern.
Und dann gibt es im Scheitern zwei Möglichkeiten:
Das Gewinnerprojekt ist gut, eine faire Entscheidung,
dann fällt die Akzeptanz leichter.
Und doch viele Fragen.
Haben wir auf ein falsches Pferd gesetzt?
Haben wir die Aufgabe falsch interpretiert?
Haben wir zu viel riskiert?
Wir sehen es sportlich.
Es ist schade, doch das Beste möge gewinnen.
Man bleibt im Positiven und wünscht dem Projekt alles Gute.
Oder aber:
das Gewinnerprojekt ist schlecht, ein Kompromiss, eine schwache, eine unfähige Jury,
ein falsches Ergebnis, ungerecht, eine geschobene Entscheidung.
Es folgen Wut, Ärger, Unverständnis, Enttäuschung.
Trauer und Frustration. Selbstzweifel und Demotivation.
Gefühle der Zeitverschwendung.
In dieser Art von Scheitern ist es nicht nur die persönliche Trauer,
sondern jene um ein gutes Projekt, das keine Chance mehr hat auf Verwirklichung,
es kommt in die Schublade mit allen Überlegungen und Gedanken
und wird vergessen, es darf nicht weiter entwickelt werden.
Über komplette Fehlentscheidungen kommt man nie ganz hinweg.
Bei Gewinn folgt emotional natürlich das Gegenteil.
Freude. Anerkennung. Bestätigung.
Ob Hoch oder Tief,
beide Stimmungen relativieren sich meist mit der Zeit.
Auf Niederlage folgt Alltag, auf Sieg folgt Bauherr.
Es gibt nicht nur gewonnene oder verlorene Wettbewerbe,
es gibt eine Vielzahl von Entwürfen, die entwickelt werden
und aus irgendwelchen Gründen nicht realisiert werden.
Traurig sind wir dann immer.
Wir haben das Gebäude im Kopf hundertmal durchgespielt.
Wie bewegen sich die Menschen darin?
Wo halten sie sich gerne auf?
Wie ist das Licht? Wie sind die Blicke? Wie die Gerüche?
Wie ergänzen sich die Materialien und welche Geschichten werden sie einmal erzählen?
Wie wird es altern?
Wir haben das Projekt entwickelt und lieb gewonnen.
Bei Projektstopp spürt man die Absolutheit des Schlussstrichs.
Die Antworten jedoch bleiben und leben weiter.
Wenn große Entwürfe verloren werden, sind sie dennoch nicht umsonst.
Verlieren und Scheitern sind Teil des Weges.
Immer ist Sieg in der Niederlage und umgekehrt.
Beide bedingen sich.
Wir haben die Erfahrung gemacht:
wer den Boden kennt, kann richtig und gerade stehen.
Architektur ist nicht lustig, hat unser Freund Richard einmal gesagt.
Warum denn nicht? Ohne Tal kein Berg. Ohne unten kein oben.
Wir wollen Lebendigkeit und bleiben neugierig
Und haben Spaß und Freude am Finden und Erfinden,
es ist eine Lebensflamme.